Samstag, 8. Oktober 2016

"Deutscheland"

Freitag, 07.10.2016, Abend. Nun stehe ich also vor der Wahl. Mein Railway Pass, der mir unbegrenzten Zugang zu allen Schnellzügen in Japan gewährt, ist nur noch morgen gültig. Ich habe mich bereits entschlossen, eine kleine Rundreise im Zug zu absolvieren. Zum einen habe ich damit die Möglichkeit, auch mal nicht so dicht besiedelte Gebiete zu sehen und zum anderen kann ich meinen leid geplagten Beinen und Füßen eine kleine Pause gönnen. Da ich mit Kyoto bereits einen Vorstoß Richtung Süden gewagt habe, soll mich mein Weg diesmal nach Norden führen. Von Tokio fährt ein Schnellzug an die Westküste, nach Niigata. Dort werde ich in einen Regionalzug umsteigen, der mich an der Küste entlang nach Akita bringt, um dann dort wiederrum einen Schnellzug zurück nach Tokio zu besteigen. So weit so gut. Aber wann soll ich losfahren? Der Routenplaner spuckt zwei Varianten aus: 6:08 Uhr oder 10:24 Uhr, jeweils ab Tokio Hauptbahnhof. Eine knifflige Entscheidung. 6:08 Uhr ist unglaublich früh, mir stecken die zwei Tage Kyoto noch in den Knochen und Schlaf fehlt mit sowieso. Mit der 10:24 Uhr Route bin ich allerdings frühestens halb acht am selben Abend wieder in Tokio, was bedeutet, dass ich mindesten zwei Stunden im Dunkeln fahre, was dem Sinn und Zweck der Rundreise irgendwie entgegensteht. Wie schon gesagt, keine einfache Entscheidung.

5:52 Uhr am nächsten Morgen stehe ich am Bahnsteig und bin damit Opfer meiner eigenen logischen Entscheidungsfindung geworden. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß, ist, dass ich auf der Rückfahrt nach Tokio aufgrund des erwähnten Schlafmangels sowieso Teile der Strecke einfach verschlafe. Damit ist das Ergebnis am Ende das Gleiche. Allerdings hatte ich damit die einmalige (denn dafür werd‘ ich sorgen, dass das einmalig bleibt) Gelegenheit, Tokio halb sechs in der früh zu erleben. Das erste, was auffällt, ist, dass die Züge nicht wie sonst alle 2-3 Minuten fahren. Da muss man schon mal fünfzehn Minuten warten. Unerhört! Das zweite sind die gewohnten Menschenmassen auch schon um diese Zeit. Damit hätte ich nicht gerechnet, zumal ja auch noch Samstag ist. Aber es gibt wohl viele Angestellte und auch Schüler, die am Samstag arbeiten bzw. in die Schule gehen müssen.

Auf der Strecke nach Niigata durchquert der Zug ein größeres Gebirgsmassiv. Viel sehe ich davon leider nicht, weil große Teile der Strecke durch Tunnel verlaufen. Zwischen den Tunnelabschnitten aber wird der Blick auf kleine Ansiedlungen und Dörfer frei, die umgeben von Bergen und Reisfeldern nichts mehr mit der industrialisierten Gegend um Tokio zu tun haben. Hier finden sich auch mehr Häuser, die noch etwas traditioneller aussehen. Es regnet und weiße Schleierwolken hängen in den Bergen, sodass man die Gipfel nicht sehen kann. Hin und wieder überquert der Zug weite Flussbetten, die aktuell nur wenig Wasser mit sich führen. Am Bahnhof in Tokio hatte ich mir noch eine Bento Box besorgt. Bento Boxen sind sozusagen das Essen für unterwegs, insbesondere, wenn man mit dem Zug fährt. Daher gibt es entsprechende Verkaufsstände auch an jedem größeren Bahnhof. Die Boxen selbst gibt es in zahlreichen Variationen, mit Reis und Hühnchen oder eher mit Fisch oder nur vegetarisch. Dazu sind sie recht hübsch bedruckt und verpackt und man kann sie ohne Probleme transportieren.

In Niigata steige ich in den Regionalzug um, der offensichtlich sehr gefragt ist. Ein älterer Mann setzt sich neben mich, der mich eine Weile später dann auch anspricht. Ich verstehe ihn zunächst nicht, auch wenn ich der Meinung bin, dass er versucht englisch zu sprechen. Nach der dritten Wiederholung habe ich dann endlich verstanden, dass er wissen will, wo ich herkomme. Ich sage, dass ich aus Deutschland komme. Er überlegt kurz, dann hellt sich sein Gesicht auf. „Aaahh, Deutscheland! Haha. Deutscheland“, sagt er. Er hat offenbar schon davon gehört. Ich schaue ihn beeindruckt an. Mehr deutsch spricht er leider nicht und sein englisch ist recht gebrochen. Er fragt, welche japanischen Worte ich denn kennen würde. Mühsam krame ich in meinem Gedächtnis. „Arigato, … Konichiwa.“, sage ich dann. Er lacht. Wir unterhalten uns die nächste halbe Stunde. Er will wissen, wie das Wetter in Deutschland ist und wie es sich mit den Jahreszeiten verhält. Als ich ihm sage, dass es im Winter schon mal -10 bis -20 Grad haben kann, schaut er mich erschrocken an. Das scheint ihm wohl viel zu kalt zu sein. Ich frage ihn, ob er denn schon mal in Europa war. Er verneint. Dafür war er schon in den USA. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, für einen Teil seiner Ausbildung. Er ist Ingenieur für Kühltechnik und lebt immer noch in dem Ort, in dem er geboren wurde. Als wir Tsuruoka erreichen und er aussteigen muss, reicht er mir zum Abschied die Hand und besteht darauf, dass ich unbedingt irgendwann mal wieder nach Japan kommen müsse, denn es gäbe ja noch so viel zu sehen.

Der letzte Umstieg, wieder in einen Schnellzug, erfolgt in Akita. Hier nehme ich mir kurz Zeit, um mir wenigstens den Bahnhof anzuschauen und auch mal aus dem Fenster auf die Stadt zu blicken. Im Bahnhofsgebäude spielt ein Schulorchester, was meine Ankunft recht feierlich wirken lässt. Zumindest in meiner Vorstellung. An zwei Stellen im Gebäude kann man interaktive Roboter besichtigen, die auf Gesten und Sprache der Menschen, die vor ihnen stehen, reagieren. Ansonsten ist es aber einfach zu nass, um das Gebäude zu verlassen, sodass ich beschließe den nächsten Zug nach Tokio zu nehmen. Der Zug fährt zunächst an endlosen Reisfeldern vorbei, später durchquert er dann auch wieder ein Gebirge. Immer wieder brechen sich Wasserfälle und Flüsse ihre Bahn durch die dicht bewachsenen grünen Hänge. Zusammen mit dem immer noch feuchten Wetter hat es fast ein bisschen was von Regenwald.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen