Damit ich in Kyoto genügend Zeit zur Verfügung habe, mir all die Dinge anzuschauen, die ich mir vorgenommen habe, fahre ich 7:26 Uhr mit dem Shinkansen auf der Tokaido Linie. Um den Zug rechtzeitig zu erreichen und auch noch einen Sitzplatz zu reservieren, habe ich meinen Wecker auf kurz vor sechs Uhr gestellt. Kurz vor sieben bin ich am Bahnhof Tokio und beginne mit der Suche nach einem Japan Railway (JR) Ticker Schalter, weil man nur da die Sitzplatzreservierung vornehmen kann. Nun hat so ein Zug natürlich auch Sitzplätze, die man ohne Reservierung nutzen kann – Moment! Nein, das stimmt so nicht. Es gibt nämlich Schnellzüge, die ausschließlich reservierte Sitze haben. Da kann man sich zwar auch ohne Reservierung draufsetzen, aber sobald halt einer kommt, der den Platz reserviert hat, muss man weiterrücken bis im schlimmsten Fall kein Platz mehr frei ist und dann muss man eben stehen bleiben. Um diesem grausamen Schicksal zu entgehen, gehe ich auf Nummer sicher und reserviere mir einen Platz, nachdem ich endlich den passenden Schalter gefunden hab. Die freundliche junge Dame am Schalter nimmt die Reservierung vollkommen routiniert vor. Ihre Finger rasen förmlich über das Touch Display. Klack, klack, klack! Wenn das Programm nicht schnell genug ist, weicht sie auf den Rahmen aus und tippt dort weiter. Nur nicht aus dem Rhythmus kommen. Es ist beeindruckend, wie sie den Ablauf optimiert hat. Klack, klack, klack! Wie ein zuverlässiges Metronom mit 200 BPM. Hypnotisch! Ich sehe, wie sie die einzelnen Abteile nach einem passenden Platz für mich durchsucht. Dann hat sie offenbar einen, ihren Kriterien entsprechenden Platz gefunden und druckt mir die Platzreservierung aus. Sie überreicht mir das Ticket mit beiden Händen und versichert sich, ob es denn korrekt gewesen wäre, dass sie mir einen Fensterplatz rausgesucht hätte. Ich sage, dass das perfekt ist und frage mich insgeheim, woher sie wusste, dass ich gern am Fenster sitzen wollte. Zehn Minuten vor Abfahrt bin ich am Bahnsteig. Der Zug steht bereits da. Er heißt Hikari. Schöner Name. Ich steige ein und mache es mir bequem. Als der Zug losfährt sitzen noch eine Handvoll anderer Menschen in meinem Abteil, ansonsten ist es recht leer. Während der Fahrt aus Tokio hinaus sehe ich viele interessante Gebäude, Hochhäuser mit Glasfronten, lange und bunte Straßenschluchten, Schulen, wie man sie aus Animes kennt, unglaublich viele Menschen und Autos, weitere Passagiere, die in meinen Zug einsteigen, hier und da mal einen Schrein oder Tempel und auch mal einen kleinen Park. Die Strecke führt ein Stück am Meer entlang und zwischen den Tunneln, durch die der Zug immer wieder fährt, sehe ich kleine Buchten mit Dörfern, die sich direkt am Meer befinden. Eine sehr schöne Aussicht. Später sieht man dann eigentlich nur noch Gebäude und Städte. Die Strecke zwischen Tokio und Kyoto ist eine der am dichtesten besiedelten in Japan und man hat das Gefühl gar nicht aus der Stadt rauszukommen. In regelmäßigen Abständen kommt ein Zugbegleiter vorbei, der aber nie ein Ticket sehen will. Wenn er das Abteil betritt verbeugt er sich und wenn er es gleich darauf wieder verlässt, tut er dies ebenfalls. Das wiederholt sich ungefähr 15-mal während der gesamten Fahrt. Für wen er das tut, ist mir nicht ganz klar. Die Fahrgäste ignorieren ihn.
In Kyoto angekommen, versuche ich mich im Hauptbahnhof zu orientieren, denn ich muss mit einem örtlichen Zug weiter fahren. Wie in Tokio ist der Bahnhof unglaublich groß. Züge fahren auf vier verschiedenen Ebenen ab und es gibt 34 Bahnsteige, wenn man die U-Bahn nicht mitzählt. Zum Glück sind die Hinweisschilder auf die einzelnen Züge geschickt positioniert und auch stets mit englischen Untertiteln. Ich will nach Arashiyama und mir den dortigen Tenryuji Tempel und den Bambuswald anschauen. Was mir auffällt ist, dass es hier wesentlich mehr Touristen gibt, die natürlich auch das gleiche Ziel haben wie ich. Dass der Tempel, bzw. die Tempelanlage ein beliebtes Touristenziel ist, merke ich spätestens als ich direkt davor stehe. Das Schild, welches die Besucher darauf hinweist, dass Pokemon Go innerhalb der Anlage nicht gespielt werden darf, ist da nur ein weiteres Indiz. Trotzdem kann ich mir - zusammen mit meinen Kenntnissen aus japanischen Filmen – halbwegs vorstellen, wie das Leben hier früher gewesen sein könnte. Ich sehe verschiedene Schreine, Übungsräume, eine Kalligraphieschule und Gärten. Draußen hat es heute über 30 Grad im Schatten. Der See im Garten hinter dem Tempel wirkt dadurch total einladend. Die Tatsache, dass ich keine Badehose dabei habe und sehr viele Menschen um den See stehen und Fotos machen, scheint mir zumindest kein Hinderungsgrund zu sein. Lediglich meine Angst vor der äußerst streng wirkenden Parkaufseherin hält mich davon ab, nicht mit Anlauf ins kühle Nass zu springen.
Hinter dem Tempel beginnt direkt der Bambuswald. Hier ist es etwas kühler, dafür nehmen die Besucherströme noch zu und um es noch schlimmer zu machen geht es auch noch bergauf. Mitten im Wald befindet sich der Eingang zu einem ehemaligen Privatanwesen des Schauspielers Denjirō Ōkōchi. Wie jetzt? Kennt ihr nicht? Macht Euch nichts draus. Kannte ich vorher auch nicht, aber das Anwesen, was er da im Laufe von 30 Jahren hat errichten lassen, ist wirklich großartig. Die Gärten sind gefühlt endlos und man kann auf der einen Seite über Kyoto schauen und auf der anderen auf ein wunderschönes Tal mit einem Fluss und weitern Bergen im Hintergrund.
Gleich am Anfang befindet sich ein Teehaus, in dem man grünen Tee und etwas Süßes bekommt. Ich hab bisher erst einmal in meinem Leben grünen Tee probiert und fand es schlichtweg widerlich. Seitdem gehe ich diesem Zeug aus dem Weg. Da das nun aber schon sehr lang her ist und sich ja durchaus Geschmäcker während der Zeit verändern, beschließe ich den Tee zu probieren. Ich setze die Teeschüssel an und nehme einen winzigen Schluck. Hmm, schmeckt nach nix. Ok, denke ich mir, nehm‘ ich halt einen größeren Schluck. Gedacht, getan. Widerlich reicht als Wort gar nicht aus, um den Geschmack zu beschreiben, der daraufhin in meinem Mund entsteht. Als hätte jemand frische Algen ausgepresst und den Saft einfach erhitzt und in eine Teeschüssel gefüllt. Pfui bäh! Ich verziehe das Gesicht. Schnell die Süßigkeit ausgepackt und als Neutralisator verwendet. Gott sei Dank! Das funktioniert.
Am Nachmittag schaue ich mir noch das International Mange Museum in Kyoto an und muss feststellen, dass mein Wissen über Mangas unglaublich beschränkt ist und obwohl ich der Meinung bin, doch einige auch weniger bekannte Mangas zu kennen, so offenbart sich mir hier doch eine Welt, die um ein Vielfaches größer ist, als ich es mir je erträumt hätte. So viele Bücher. Und in jedes darf und soll man sogar hineinschauen. Es gibt verschiedene Leseräume, in denen man es sich mit den Büchern seiner Wahl gemütlich machen kann. Dazu spielt leise typische Anime Musik. Es kommt mir vor, wie ein Traum. Unauffällig und leise murmle ich vor mich hin: „Ich bin im Manga Museum in Kyoto!“ Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wieviel mir das bedeutet. Ich such mir zwei Bücher aus und fläze mich auf einen Sitzsack.
Der Tag endet im Hotel Sakura Terrace, in welchem ich mir erst am Mittag während einer Pause im Anwesen von Herrn Ōkōchi ein Zimmer gebucht hatte. - An dieser Stelle mal ein kurzer Einschub, weil ich das einfach loswerden muss. Vielleicht habt ihr euch schon gefragt, wie ich eigentlich immer und überall an die passenden Informationen komme. Ist doch total einfach, denkt ihr euch. Natürlich über’s Internet. Richtig! Aber wie bekommt man mit einem deutschen Handy kostengünstig Internetzugang und das auch noch überall in Japan? Die Antwort ist eine WiFi Box, die mit dem hiesigen Funknetzwerk verbunden ist und als WLAN Hotspot fungiert. Die Box hab ich im Vorfeld bestellt und sie war gleich am ersten Tag schon im Hotel. Definitiv eine der besten Maßnahmen für eine Reise nach Japan. Da muss ich mir doch selbst mal auf die Schulter klopfen und dem Anbieter der Box ein riesen Dankeschön aussprechen. So, aber noch kurz zum Hotel. Das hat mir natürlich mein Hotel in Tokio total mies gemacht. Das Zimmer war doppelt so groß und kostete genau so viel. Aus dem Fenster konnte man auch wirklich rausschauen und hatte einen wunderbaren Blick über Kyoto. Der Hammer aber war das Frühstück heut Morgen. Ein Buffet mit allen erdenklichen Leckerbissen, auch Süßkram. Fisch, Fleich, Reis, Salate, Obst, Müsli, Sushi und noch viel mehr. An der Saftbar ein exotischer Saft neben dem anderen. Daneben Smoothies. So kann also Frühstück in Japan aussehen. Leicht deprimiert denke ich an mein Hotel in Tokio. Beim nächsten Mal muss ich unbedingt wieder mehr auf solche Dinge achten.
Zum Abschluss des Kyoto-Ausflugs war ich dann heute noch im TOEI Studio Film Park. Es handelt sich tatsächlich um ein Filmstudio, in dem auch hin und wieder Szenen für japanische Filme gedreht werden. Dazu gibt es haufenweise Attraktionen, die alle irgendwie mit dem Thema Film zu tun haben. So war ich beispielsweise in einem Ninja Haus, aus dem man nach kurzer Einführung in Geheimgänge und versteckte Passagen dann selbstständig wieder entkommen musste. Das war sehr witzig und hat auch sehr viel Spaß gemacht. Meine anfänglichen Befürchtungen, ich würde die geheimen Wege nicht finden und müsste mich dann retten lassen, was sicherlich meinem Ansehen bei der hiesigen Ninja Gilde einen enormen Abbruch getan hätte, haben sich glücklicherweise nicht bestätigt. Interessanterweise wurden auch tatsächlich an dem Tag Szenen für einen Film gedreht, aber leider konnte man nicht viel davon sehen, weil die entsprechenden Bereiche abgesperrt waren. Nur hin und wieder blitzte mal ein Kimono durch oder ich konnte Schauspieler schreien hören.
Auf der Rückfahrt zum Hauptbahnhof in Kyoto stelle ich mich direkt hinter den Fahrer, eigentlich um zu schauen, ob da irgendwo auf einem der Geräte Siemens draufsteht. Das ist man ja sonst so gewöhnt, wenn man irgendwo rumfährt. Leider nur japanische Schriftzeichen und kein Hinweis auf irgendeinen Hersteller. Stattdessen fasziniert mich der Zugführer. Es ist ein älterer Herr. Unter der Mütze seiner Uniform schauen graue Haare hervor. Er trägt wie alle Zugführer, die ich bisher gesehen habe, weiße Handschuhe. In regelmäßigen Abständen vollführt er anmutige Gesten mit seinen Armen. Den linken Arm streckt er nach vorn aus, wie ein General, der seinen Truppen das Signal zum Angriff gibt. Dazu nickt er, als müsste er den Befehl bestätigen. Den rechten Arm streckt er mit ausgestrecktem Zeigefinger nach vorn und macht eine Bewegung wie Captain James T. Kirk auf der Enterprise. Ich höre eine Stimme in meinem Kopf, die sagt: „Mr. Sulu, Energie!“ Beide Bewegungen wiederholt er immer wieder mit einer beinahe hypnotischen Eleganz, als wären sie über Jahre hinweg antrainiert worden.
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