Das traditionelle Japan. Da ist es endlich! Ich hab’s gefunden, 90km von Tokio entfernt präsentiert es sich in Form eines Ryokan, eines traditionell eingerichteten Gasthauses. Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Schneidersitz auf Reismatten in einem kleinen Raum, dessen Wände zum größten Teil aus Papier bestehen (Mein Zimmer). Die Zimmer, wie auch das gesamte Hotel haben schon eine sehr lange Geschichte hinter sich und bei allem was ich hier tue, habe ich das Gefühl, es langsam, mit Bedacht und Ehrfurcht machen zu müssen. Das beruhigt ungemein.
Aber lasst mich vorher noch zum gestrigen Tag zurückkehren. Dieser beginnt 8:45 Uhr, denn da habe ich eine Verabredung mit einem japanischen Tour Guide, der mir und anderen den Zugang zu einem Sumo Training ermöglichen soll. Sumo Ringer sind in sog. Sumo Stables organisiert. So ein Stable ist zugleich Wohnung und Trainingsort für einen Ringer. Trainiert wird nahezu jeden Tag, jeweils am Vormittag. Ich treffe meinen Guide - er heißt Sachio - und zwei Pärchen aus Großbritannien nahe der U-Bahn Station Asukasa. Im Taxi fahren wir ca. 10 Minuten zu dem Sumo Stable, den Sachio für uns ausgesucht hat. Ich erfahre von den britischen Pärchen, dass jeweils die Männer als IT Consultants tätig sind. Zufälle gibt’s. Vor dem Stable gibt uns Sachio noch eine letzte Einweisung Richtung Etikette. Verbeugen, Schuhe ausziehen, die Sohlen nie zum Ring zeigen lassen, nicht reden, nicht trinken, nicht essen und auf keinen Fall vor Ende des Trainings aufstehen oder gehen. Im Trainingsraum sind kleine Matten für uns ausgelegt, auf die wir uns knien oder setzen können. Direkt zwei Meter davor befindet sich der Ring, in dem bereits zwei Sumo Wrestler die Kampferöffnung üben. Die übrigen Kämpfer üben an Holzstämmen das richtige zupacken oder wärmen sich durch das traditionelle Aufstampfen (shiko) auf. Dabei klatschen sie mit der flachen Hand auf ihre Oberschenkel. Das ist übrigens auch das einzige Geräusch, was man im Trainingsraum hört: Hände, die auf irgendwas draufklatschen. Hin und wieder gibt der Meister Anweisungen, welche die Wrestler prinzipiell immer mit ‘Ja‘ beantworten. Als der alte Meister wenig später zum Training dazu kommt, entspannt sich die Stimmung etwas, denn dieser plappert munter drauf los und schert sich auch wenig um irgendwelche Gepflogenheiten. Wenn ich doch nur japanisch verstehen würde. Unser Guide schreibt immer wieder relevante und amüsante Dinge auf seinen Block und reicht ihn dann herum. Einer der Kämpfer war bspw. mal in den Top 3% der japanischen Sumo Liga, bevor er durch eine Knieverletzung abgestiegen ist. Ausserdem gehen Sumo Wrestler normalerweise spätestens mit dreißig in den Ruhestand, weil ihnen dann meist die Kraft fehlt, um noch mithalten zu können. Und: Pro Mahlzeit vertilgt so ein Athlet schon mal 100 Stück Sushi. Mahlzeit! Zum Ende des Trainings bekommen wir noch einige Übungskämpfe zu sehen. Das Geräusch, wenn zwei Kämpfer aufeinandertreffen und die Kraft die dort dahinter steckt sind beeindruckend. Obwohl sie sicherlich mindestens doppelt so schwer sind wie ich, habe ich dennoch den Eindruck, dass sie wesentlich besser in Form sind.
Den Abend lasse ich mit einem Besuch in Tokios Rotlichtviertel in Shinjuku ausklingen. Man kann es wahrscheinlich mit der Reeperbahn in Hamburg vergleichen. Es ist letztendlich ein Amüsierviertel, wo es neben Kinos, Themenrestaurants und Shows eben auch andere Dienste gibt (Und in Japan gibt’s echt alles, was man sich vorstellen kann und noch mehr. Wenn ihr euch traut, googelt mal nach Pink Salon), die für so ein Viertel notwendig sind, damit man von Rotlichtviertel sprechen kann. Bei den Japanern ist das natürlich alles viel dezenter. An der Werbung am Haus kann man nicht unbedingt darauf schließen, was drinnen geboten wird. Stattdessen laufen sehr viele Scouts rum, welche die Leute auf der Straße ansprechen. Das passiert mir auch gleich in der ersten Straße. Ein Mann kommt auf mich zu, spricht mich auf Japanisch an. Ich schüttele nur den Kopf und gehe weiter. Er zeigt mir einen Flyer mit halbnackten Mädchen. Ich schüttele wieder den Kopf, bedanke mich und gehe weiter. Er verbeugt sich und wendet sich dann von mir ab. Das muss man ihnen lassen: höflich in jeder Situation. Ähnliche Vorfälle ereignen sich diesen Abend noch mehrere Male. Eigentlich bin ich ja aber hier, weil ich mich zwei Tage zuvor für eine Show im Roboterrestaurant angemeldet habe. Leider ist das Restaurant halt in einer kleinen Seitenstraße, sodass man an vielen Männern mit Flyern vorbei muss. Das Restaurant und auch die Show, die ich mir ansehe ist der Inbegriff von Kitsch und Übertreibung. Ich werde, zusammen mit gefühlt hunderten von anderen Touristen über ein bunt leuchtendes Treppenhaus in den Keller des Restaurants geführt. Dort angekommen, kann man entsprechend seiner Sitzplatznummer rechts oder links Platz nehmen. In der Mitte findet die Show statt. Alles ist perfekt durchorganisiert und unterliegt einem strengen Zeitplan, den die Show findet viermal pro Abend statt. Im ersten Akt treten Trommler und Tänzer in bunten Kostümen auf. Die Trommler werden auf fahrbaren Bühnen durch den Raum bewegt. Die Tänzerinnen springen wild vorm Publikum hin und her. Nach 15 Minuten ist alles so schnell vorbei, wie es begonnen hat. Sieben Minuten Zeit, um Getränke oder Snacks zu kaufen, dann beginnt der zweite Akt. Auf die Seitenwände des Raumes wird ein Video projiziert, man hört eine tiefe Männerstimme, die vom Kampf der Wald- und Meeresbewohner eines fernen Planeten gegen eine böse Roboterarmee aus dem Weltall erzählt. Danach wird genau dieser Kampf in der Mitte des Raumes ausgetragen. Zuerst versucht sich eine abgemagerte Version von Kung Fu Panda gegen die Roboter und wird mächtig verprügelt. Daraufhin steigt der Panda auf eine riesige Kuh, welche dann die Roboter umhaut. Daraufhin kontern jene mit schwerem Kriegsgerät. Die Kuh ist am Ende. Die Waldbewohner rufen die Herrscherin der Spinnen zu Hilfe, welche gleich darauf auf einer mechanischen, mit Pappmaschee umwickelten rosa Spinne den Raum betritt. Wieder ein Sieg für die Waldbewohner. Dieses Prozedere wiederholt sich noch einige Male und ich habe den Eindruck, dass das ein Wettrüsten ist. Die Roboter fahren immer größere Kriegsmaschinen auf. Die Wald- und Meeresbewohner kontern mit immer größeren Tieren. Am Ende gewinnen natürlich die Guten, in dem Fall die Wald- und Meeresbewohner. Puh! Was ein Spektakel aus Geräuschen und Farben. Ich bin froh, dass wieder Pause ist. Im dritten Akt treten wieder Tänzer auf, die eine ziemlich gute Lasershow abliefern. Für den vierten Akt werden extra elektrische Leuchtstäbe ausgeteilt und die Moderatorin kündigt das fulminante Finale an. Ich bin mir unsicher, was mich erwartet. Roboter gegen Kuschelhäschen? Godzilla?? Roboter-Godzilla??? Der vierte Akt steht unter dem Motto: Karneval in Rio. Samba Tänzerinnen und Clowns betreten die Bühne und sorgen für ordentlich Stimmung. Kamellen aus Kürbissen werden ins Publikum geworfen, weil ja bald Halloween ist. Ein krasser Abschluss für eine krasse Show und kaum ist die Show zu Ende, drängt die Moderatorin darauf, dass wir möglichst schnell den Raum verlassen, denn die nächste Show würde ja schon in zehn Minuten starten: „Nicht stehen bleiben. Immer weitergehen.“, sagt sie.
So, damit bin ich wieder am Anfang, denn nach ein paar intensiven Tagen Tokio der Moderne, wird es wieder etwas Zeit für mehr Ruhe und Abwechslung. Bei meinen Recherchen zu einem Kurztrip in die Fuji Region, bin ich auf Hotels gestoßen, die traditionelle Zimmer anbieten. Ein glücklicher Zufall, denn davon wusste ich bis dahin nichts. Ich bin in einem sehr kleinen Ort in der Region Hakone. Das Hotel ist etwas außerhalb des Orts an einem Fluss gelegen. Bereits am Eingang, werde ich gebeten meine Schuhe auszuziehen und mir ein Paar von den bereitgestellten Pantoffeln auszusuchen. Dann muss ich kurz warten, bis mich mein persönliches Zimmermädchen abholt. Ja, richtig! Ich habe ein persönliches Zimmermädchen, welches mir abends das Bett, ein Futon, aufbaut und es am Morgen wieder wegräumt. Ausserdem bringt sie mir alle Mahlzeiten aufs Zimmer, weil das traditionell so üblich ist. Sie führt mich durch das Hotel, zeigt mir das Gemeinschaftsbad (Onsen) und die Toiletten. In traditionellen japanischen Hotels haben die Zimmer kein eigenes Bad. Stattdessen gibt es Toiletten auf dem Gang und eine heiße Quelle ersetzt das Bad. Sie zeigt mir mein Zimmer, welches traditionell sehr puristisch eingerichtet ist. Privatsphäre oder die Möglichkeit zum Abschließen gibt es hier nirgendwo. Die Atmosphäre ist so beruhigend, dass ich für heute gar nicht mehr den Bedarf habe, irgendwas zu unternehmen oder zu erkunden. Das verschiebe ich auf morgen. Lieber will ich das heiße Bad ausprobieren. Im Zimmer liegen Hinweise zur Benutzung und zu den Regeln aus. Eigentlich gibt es nur zwei wichtige Regeln. Erstens und am Wichtigsten: Nichts darf das Wasser im Bad verunreinigen. Waschen muss man sich vorher separat und das sehr gründlich. Das Bad ist nicht dazu gedacht, sauber zu werden, sondern sich zu entspannen. Zweitens: Keine Textilien dürfen ins Bad. Nun, ich muss zugeben, das Waschen vorher ist gewöhnungsbedürftig. Man hockt nackt auf einem kleinen Holzschemel und versucht sich mit Seife und lauwarmen Wasser abzuwaschen, natürlich ohne dass dieses Wasser auch nur irgendwie in Richtung der heißen Quelle spritzt. Das ist nicht so einfach und danach bin ich ziemlich durchgefroren. Das gleicht die Quelle zum Glück wieder aus. Ich setze mich in ein rundes Holzbecken, welches vom Wasser aus der Quelle gespeist wird. Das Wasser ist schätzungsweise so um die 40 Grad warm. Im ersten Moment sehr angenehm, aber lang halt ich es nicht aus. Als ich aus dem Wasser steige, habe ich eine noch gesunde rote Hautfarbe.
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