Bevor ich Euch aber verrate, wo mich diese unglaublich vielen Schritte heute hingebracht haben, zunächst aber mal das Wichtigste vorab: Das Frühstück. Es ist ja inzwischen total populär, über’s Internet anderen mitzuteilen was man so isst, daher hab ich keinerlei Skrupel dies hier auch ganz offen und schamlos zu tun. Ich bin ja sonst eher der süße Typ und brauch Nutella o.ä. zum Frühstück. Leider gibt’s das bei den Japanern überhaupt nicht. Daher muss ich mich schon etwas umstellen, was aber heut früh recht einfach war. Gut, ich muss zugeben, dass ich von den angebotenen Menüs dasjenige genommen habe, welches sich sehr stark an Europa orientiert, aber trotzdem ist der deftige Einstieg in den Tag etwas sehr ungewohntes für mich. So gab es eine Kürbissuppe, Reis, Rührei, Würstchen und Salat. Natürlich wurde ich gleich in die Kategorie „Isst nicht mit Stäbchen“ eingeteilt und bekam Gabel und Löffel, was, wie ich später rausfand, durchaus üblich ist, auch für Japaner. Lediglich Messer gibt es so gut wie gar nicht.
Nach dem Frühstück bin ich direkt wieder zur Bahn und ab Richtung Kaiserpalast. – Anmerkung: Bitte stellt Euch für den restlichen Tag und die damit verbundenen Erzählungen stets graues Nieselwetter vor. – Der Kaiserpalast selbst hat ja leider immer nur einmal im Jahr offen (leider nicht Anfang Oktober) und ist sonst nicht für Touristen oder Besucher geöffnet. Aber Drumherum laufen kann man alle mal. An jedem Tor stehen Polizisten oder Beamte, damit man auch ja nicht zu nahe ran geht. Es ist sowieso interessant, wie viele Japaner in Tokio einen Job haben, der nur darin besteht, andere Menschen einzuweisen. Die stehen den ganzen Tag (ja, das habe ich beobachtet) an einer Stelle und geben Hinweise für vorbeikommende Passanten oder sagen ihnen wo sie lang gehen sollen. Alles unter der Prämisse Unfälle oder Fehlverhalten zu vermeiden.
Wenn man so um den Kaiserpalast herum läuft, sieht man nicht allzu viel vom Palast, aber zumindest die Palastmauer hat sich sehr gut in mein Gedächtnis eingebrannt.
Dafür kommt man aber an zahlreichen anderen interessanten Gebäuden vorbei, wie bspw. dem Supreme Court oder dem Nationaltheater aber auch zahlreichen Botschaften. Als Orientierungshilfe stehen überall Tafeln, auf denen der eigene Standort und die aktuelle Umgebung eingezeichnet sind. Da muss man aber aufpassen als Tourist und darf nicht zu lange davor stehen bleiben. Dies erregt nämlich sofort die Aufmerksamkeit der hilfreichen Japaner, die dann gleich herbeigeeilt kommen und sich versichern wollen, dass man sich auch nicht verlaufen hat.
Aufgrund des erwähnten Wetters nutze ich die Chance, mir das Science Museum anzuschauen. Die Dame am Ticketschalter entschuldigt sich direkt überschwänglich, dass die meisten Erklärungen an den Exponaten nur in Japanisch sind. Ich lächle sie an, sage das mir das nichts ausmachen würde, verbeuge mich, sie lächelt zurück, verbeugt sich, ich verbeuge mich nochmal, sie verbeugt sich auch nochmal, ich dreh mich zum Eingang, weil ich Angst habe in einer Endlosschleife aus Verbeugungen stecken zu bleiben. Fünf Stockwerke voller Wissenschaft und Technik erwarten mich. Ich bin gespannt. Das Museum und die Ausstellungen sind fantastisch. Man kann und soll alles anfassen und selbst ausprobieren. Für Schulklassen oder andere neugierige Kinder gibt es zahlreiche Kurse, die über den ganzen Tag verteilt sind.
In einem 360 Grad Kino schau ich mir einen japanischen Animationsfilm über DNA Replikation an und bin überrascht, wie viel ich davon noch aus meiner Schul- und Studienzeit weiß. Den japanischen Einfluss sieht man auch sofort: Alle an den dargestellten Prozessen beteiligten Moleküle sind wie futuristische Raumschiffe dargestellt, die an den DNA Strang ankoppeln. Als Schiffsname steht da z.B. Polymerase.Nach der Umrundung der zweiten Hälfte des Kaiserpalastes fahre ich wieder in Richtung Hotel, steige aber unterwegs nochmal aus, um mir hoffentlich einen passenden Steckdosenadapter zu besorgen. Ich hatte vorher im Internet nach einem passenden Elektronikladen geschaut. Beim Aussteigen aus dem Zug fällt mir schon direkt ein Wegweiser ins Auge: Akihabara Electric City. Klingt gut! Ich folge dem Schild, sehe aber keinen Elektrohandel. Hmm! Einmal um die Station herum, stehe ich vor einem gigantischen Kaufhaus mit Plakaten von nahezu allen namhaften Elektronikherstellern. Ich gehe hinein und sehe mich einer unüberschaubaren Menge von Angeboten und Artikeln gegenüber, das Ganze verteilt auf acht Stockwerke. Nach zur zweimal durchfragen stehe ich vor dem Regal mit den Adaptern. Jetzt gilt es die richtige Wahl zu treffen: Hello Kitty Adapter oder mit LED oder normal. Ich entscheide mich für einen ganz normalen, kleinen Adapter von dem ich glaube, dass mein Notebookstecker da rein passt. Wie sich wenig später herausstellt, bin ich durchaus in der Lage passende Steckdosenadapter aus einer Menge von verschiedenen Modellen auszuwählen. Yippieh! :)
Mit Beobachtungen zu zwei Themen möchte ich diesen Eintrag abschließen: Zug fahren und Hilfsbereitschaft in Japan.
Die Hilfsbereitschaft der Menschen hier hab ich ja nun schon ein paar Mal angesprochen und vielleicht verallgemeinere ich das jetzt hier auch zu stark, aber ich habe den Eindruck, dass man sich hier eigentlich nur irgendwo hinstellen und hilflos aus der Wäsche kucken muss und es dauert keine Minute, bis man angesprochen wird, ob man denn Hilfe bräuchte. Das Beispiel mit den Standorttafeln hab ich oben schon erzählt. Ein anderer Fall trug sich heut Abend in einem Restaurant zu. Dort bekam ich zu meiner Bestellung ein Rubbellos, was ich aber nicht wusste, weil ich nicht verstand was darauf geschrieben stand (das reimt sich sogar ;)). Als ich nach dem Essen das Los betrachtete, sprach mich meine schon etwas ältere Sitznachbarin an und gestikulierte mir, was ich zu tun hätte. Ok, also los. Freigerubbelt. Mist! Was steht denn jetzt da? Ich wende mich wieder zu meiner Sitznachbarin. Diese, des englischen offensichtlich nicht mächtig, bezieht wiederum zwei weitere ältere Damen in die Problemstellung ein, von denen mir dann eine sagt, dass ich eine Tasche gewonnen hätte. Alle drei sind sofort sehr aufgeregt und wild gestikulierend machen sie mich darauf aufmerksam, dass ich sofort zur Theke gehen solle, um meinen Gewinn einzufordern. Als ich nicht sofort aufspringe, sondern mir noch einen Schluck von meinem Eistee genehmige, wiederholen sie ihre nunmehr unmissverständlichen Handbewegungen. Ich nicke hastig und springe auf Richtung Theke wo ich nach kurzer Zeit einen schwarzen Beutel mit der Aufschrift des Restaurants bekomme. Natürlich packe ich den gleich aus und präsentiere ihn den drei Damen, die mir anerkennend zunicken.
Beim Zugfahren in Tokio (und – ich pauschalisier' das mal wieder – in ganz Japan) kann man sehr interessante Dinge beobachten, welche die Kultur des Landes und die Erziehung der Menschen hier veranschaulichen. So gibt es bspw. an jeder Treppe einen Bereich zum Hochgehen und einen zum Runtergehen. Die Menschen halten sich sehr penibel daran, selbst wenn der Bereich zum Hochgehen total überfüllt ist und die Hälfte der Treppe frei ist, weil grad keiner runter will, weichen die Leute nicht auf den freien Bereich aus. Bei Rolltreppen stellt man sich auf die linke Seite, wenn man einfach mitfahren will. Hat man es eilig, geht man rechts vorbei. Dabei achten die Menschen auch darauf sich korrekt einzuordnen. Niemand wird einfach rechts auf einer Rolltreppe stehen. Beim Einsteigen in den Zug wird es dann noch kurioser. Die Züge halten an definierten Einsteigepunkten, die auch auf dem Bahnsteig gekennzeichnet sind. Daher weiß man schon vorab, wo sich die Türen befinden werden und kann sich entsprechend hinstellen. Aber nicht in Form einer unkoordinierten Traube, sondern entsprechend in einer Schlange links und rechts neben der Tür. Der Platz zwischen den beiden Schlangen bleibt frei, damit die Passagiere beim Aussteigen nicht behindert werden. Und natürlich wartet man auch erst, bis alle ausgestiegen sind und geht dann der Reihe nach in die Bahn. In den Zügen selbst ist telefonieren mit dem Smartphone verboten, damit man die anderen Mitreisenden nicht stört. Smartphones sieht man übrigens sehr sehr viele und zu den Hauptaktivitäten beim Bahnfahren zählen auf’s Handy schauen oder schlafen.
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