Montag, 10. Oktober 2016

Odaibah

Nach einem Tag Pause, den ich mehr oder weniger unfreiwillig aufgrund von Hals- und Kopfschmerzen einlegen musste, begebe ich mich heut wieder auf Erkundungstour durch Tokio. Es ist Health & Sports Day, ein Feiertag in Japan. Feiertag heißt in diesem Fall aber nicht, dass alle frei haben. Die meisten Geschäfte und Attraktionen haben ganz normal geöffnet und schließen dafür als Ausgleich am darauf folgenden Tag. Das kommt mir sehr gelegen. DSC_0329Ich steige in die Bahn und fahre eine Station zum Edo Tokio Museum. Das Museum befindet sich in einem eigens dafür errichteten Gebäude, welches recht futuristisch aussieht und auf vier gigantischen Säulen steht. Mit einer sehr langen Rolltreppe geht es zum Eingang. Große Teile von Edo Tokio sind als Minituarstätten mit viel Liebe zum Detail nachgebaut. Mit Ferngläsern kann man sich bei Bedarf direkt ins Geschehen der kleinen Miniaturmenschen begeben. Mir gefällt, dass überall auch englische Erklärungen dran stehen.

Nach dem Museum mache ich mich auf den Weg nach Odaibah. Odaibah ist eine künstliche Insel im Hafen von Tokio, auf der es zahlreiche Einkaufs- und Unterhaltungsmöglichkeiten gibt. Für die Fahrt dorthin steige ich in eine moderne Hochbahn. Sie wird als „Transportsystem der Zukunft“ angepriesen. Wie aufregend! Was daran Zukunft ist, erschließt sich mir aber leider nicht. Ja gut, sie fährt vollständig automatisch, aber das gibt’s schließlich bei uns auch. Zumindest ist die Aussicht hervorragend. Die Bahn fährt am Ufer des Hafens entlang und über die Rainbow Bridge, welche sich über dem Hafen aufspannt.

In Odaibah angekommen, laufe ich zunächst an der Promenade entlang und genieße, dass es heut nicht so warm ist. Der Blick auf Tokio ist großartig. An einem Einkaufszentrum sehe ich ein Werbeplakat für TGI Fridays. Das ist meine Chance auf real american grilled beef. Ich spüre, wie mir das Wasser im Mund zusammenläuft. Japanische Küche schmeckt zwar sehr gut und ist sicherlich auch gesund und blah blah blah, aber nach über einer Woche brauche ich einfach mal wieder was Ordentliches. Zielgerichtet steuere ich auf das Einkaufszentrum zu. Nach ewig lang erscheinenden zwanzig Minuten habe ich das Restaurant in dem gigantischen Gebäude endlich gefunden. Bahnhöfe sind da deutlich besser ausgeschildert. Ich lasse mir mein grilled beef schmecken und mache mich dann wieder auf den Weg durch das Einkaufszentrum. Beyblade ChampionshipIn der zweiten Etage gerate ich unvermittelt in ein Turnier der Beyblade World Championship Association. Wer Beyblade nicht kennt, es ist sozusagen ein Kampf mit futuristischen Brummkreiseln, bei dem man versucht, seinen eigenen Kreisel mit genügend Kraft und Geschicklichkeit in den Ring zu werfen, um damit die Kontrahenten wegzustoßen und zum Stillstand zu zwingen. Natürlich basiert das auf einer Anime Serie. Ich sehe unglaublich viele kleine Kinder mit irrwitzig teuren Brummkreiseln, die jeweils zu dritt vor einer Kampfarena stehen und gegeneinander antreten. Daneben zahlreiche engagierte Eltern, die ihre Sprösslinge dabei anfeuern und ganz aufgeregt viele Fotos machen. Einige Kinder haben sogar kleine Metallkoffer dabei, aus denen sie vor einem Kampf den passenden Kreisel auswählen. Was für ein Spektakel.

Im gleichen Einkaufszentrum befindet sich das Sony Explora Science Museum, welches ich mir anschauen will. Auf dem Weg dahin komme ich am Tokio Leisure Land vorbei, welches mich mit seinen bunten Spielautomaten, lauter Musik und jede Menge greller Lichter anlockt. Man muss einfach hineingehen. Drinnen gibt es unzählige Automaten, aus denen man mit einem Greifroboter Gegenstände angeln kann. Mir war bis dahin nicht bewusst, wie viele Variationen es von diesen Maschinen gibt und was man dort alles erspielen kann. In einem Automaten sehe ich bswp. große Fische aus Plastik, die alle gleich aussehen. Ich vermute, dass sich der eigentliche Gewinn im Innern des Fisches befindet, denn anders ergibt das für mich einfach keinen Sinn. Daneben gibt es auch klassische Spielautomaten, in die man etwas Geld hineinwirft und dann wie ein Irrer auf den Knöpfen rumdrückt, um irgendwas zu töten oder einzusammeln oder einfach um zu überleben. Zwei japanische jugendliche spielen einen Ego Shooter ohne Rücksicht auf Verluste. Ich beschließe, dass ich genug Lichtblitze abbekommen habe und gehe zum Sony Explora Science Museum, welches streng genommen kein Museum ist, sondern vielmehr eine interaktive Ausstellung zu aktuellen Technologien. Der junge Mann am Eingang fragt mich auf Japanisch, ob ich japanisch sprechen würde. Mein leerer Gesichtsausdruck verrät ihm, dass dem nicht so ist, bevor mein Gehirn die Frage verarbeiten kann.Cell Phone Sim @ Sony Explora Science Er lächelt und erklärt mir alles auf Englisch. Die Ausstellung ist, wenn auch klein, doch sehr interessant. Mein persönlicher Höhepunkt ist allerdings eine stattfindende Show für Kinder: Science Battle. Ich setze mich mit japanischen Familien in einen Vorführraum. Zunächst läuft ein Video, in dem die einzelnen Charaktere vorgestellt werden, die an dem Science Battle teilnehmen. Zufällig werden die zwei heutigen Kontrahenten ausgewählt: Burning Jr. vs. irgendein Mädchen, deren Name ich mir nicht gemerkt hab. Mist! Aber sie ist die Herrscherin der Luft, also kurz gesagt Feuer gegen Luft. Zwei Darsteller betreten die Bühne, welche den Manga Figuren aus dem Video nachempfunden sind. Sie bringen sehr viel Energie und übertrieben gute Laune mit. Stimmungsaufheller, denk ich mir. Der Feuertyp, welcher eine skurril große Perücke trägt, fängt an. Er füllt verschiedene Plastikflaschen mit Spritzern einer Flüssigkeit und packt dann Pappbecher oben auf die Flaschen. Kurz darauf entzündet er den Inhalt der Flaschen und die Pappbecher fliegen in hohem Bogen davon. Die Begeisterung unter den jüngeren Zuschauern ist riesig. Nun erklärt er noch kurz anhand einer Präsentation, wie das Ganze funktioniert. Die Herrscherin über die Luft ist dran. Sie holt sich eine Art kleinen Laubbläser auf die Bühne, der auf einem Gestell befestigt ist und nach oben zeigt. Als erstes lässt sie eine kleine Plastikschale über dem eingeschalteten Laubbläser schweben. Das Publikum gibt ein erstauntes „Oooooohh!“ von sich. Danach nimmt sie einen Strandball und lässt auch diesen auf der Luft aus dem Laubbläser schweben. Dabei kippt sie den Laubbläser, worauf es so aussieht, als würde der Ball nun ganz von alleine schweben. Wieder ein beeindrucktes „Ooooohh!“. Den Abschluss bildet ein Ring aus Luftballons, den sie nun ebenfalls so geschickt auf den Luftstrom setzt, dass dieser schwebt und sich dabei noch dreht. Das Publikum ist hin und weg und bei der Entscheidung, wer von den beiden gewonnen hat, liegt sie ganz klar vorn. So macht Wissenschaft doch Spaß.

Ich verlasse das Einkaufszentrum wieder und beschließe noch ein Stück die Promenade hinauf zu laufen. Am Ende angekommen, erregt ein Schild meine Aufmerksamkeit, von dem ich zunächst nicht glauben kann, dass es wirklich da ist. Ich gehe näher heran, aber das Schild verändert sich nicht. Ich lese „Odaibah Oktoberfest“. Hmm, ich muss durch irgendein Portal in eine seltsame Parallelwelt gereist sein, in der die Japaner das Oktoberfest feiern. Das kann einfach nicht real sein. Ich schaue über das Gelände vor mir und sehe Japaner auf Bierbänken mit Filzhüten. Ein großes Festzelt ist in der Mitte aufgebaut und durch das geöffnete Tor kann ich eine junge Japanerin wie wild auf einer Bühne herumhüpfen sehen. Auch sie hat offenbar Stimmungsaufheller intus. Hinter ihr sitzen eine kleine Blaskappelle und eine Band. Aus dem Zelt tönt es „Da simmer dabei, dat is pri-i-ma, Vi-va Colognia, …“. Ich schüttele mit dem Kopf. Fassungslos wende ich mich ab und gehe weiter.

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