Dienstag, 11. Oktober 2016

Lichtblitze & Lärm

Für heut hab ich keinen konkreten Plan. Ich will mir noch etwas die Stadt ansehen und auch das moderne Tokio besser kennenlernen, nachdem ich ja bisher eher kulturell unterwegs war. Ich steige in die Bahn und fahre ein Station nach Akihabara. Ein Stadtteil, der den Beinamen "Electric Town" trägt, zum einen weil es dort zahlreiche kleine und große Elektronikgeschäfte gibt und zum anderen findet man dort mindestens genauso viele Spielhallen. Bevor ich mich dem Stadtteil widme, suche ich mir erstmal einen Platz zum Frühstücken. Bei dem Gedanken an das immer gleiche Hotelfrühstück ist mir heut nach dem Aufwachen direkt der Appetit vergangen. Ich brauche Abwechslung. Gestärkt durch diverse Süßspeisen mache ich mich auf den Weg durch die Straßen. Die Fassaden sind mit bunten Plakaten und Leuchtreklamen bedeckt. Überall stehen Leute vor den Geschäften, welche die dort angebotenen Waren anpreisen. Aus den Spielhallen dringt eine Kakophonie verschiedener Laute auf die Straße. Davon lasse ich mich nicht abhalten und betrete die erste Spielhalle. Die Automaten sind auf sechs Etagen verteilt. Zwei Etagen Greifroboter dann vier Etagen Videospiele.
Ich schaue mir jede Etage an. An einigen Automaten sitzen zusammengesunkene Gestalten, die völlig apathisch wie wild auf die Tasten hämmern. Auf den Bildschirmen zucken Lichtblitze auf und es explodieren Dinge. Viele Dinge! Die Geräuschkulisse ist beinahe unerträglich. Aber nur beinahe. Ich werfe eine Münze in einen Automaten. Es ist ein Kampfspiel. In der ersten Runde besiege ich meinen Gegner durch wildes rumdrücken auf den Tasten. Die nächsten Runden verliere ich allerdings haushoch. Blöd, wenn man die Anleitung am Gerät nicht lesen kann. Ich brauche also was einfacheres. In der nächsten Spielhalle, die zufälligerweise gleich zwei Eingänge weiter ist, setze ich mich in einen Rennsimulator. Beim Starten brummt der Motor und mein Sitz vibriert. Durch eine nicht ganz so faire Fahrweise lasse ich meine Kontrahenten schnell hinter mir. Das Spiel macht Spaß, aber die Strecken sind recht kurz und jede neue Strecke erfordert eine neue Münze. Da probier ich lieber noch was anderes aus. Ein Stockwerk höher gibt es Ego Shooter bei denen man mit Pistolenattrappen auf den Bildschirm schießt. Ich suche mir einen aus, bei dem man mit zwei Pistolen gleichzeitig rumballern kann. Das Spiel fängt an. Eine Horde Aliens springt auf mich zu. Ich halte einfach drauf und töte alles was sich bewegt. Lichtblitze, Schüsse, Todesschreie. Was für ein Gemetzel. Nach zwei Minuten ist die Runde beendet. Ich fühl mich wie Rambo auf Drogen. Das Spiel teilt mir mit, dass meine Mission leider fehlgeschlagen ist. Häh? Welche Mission? Ich dacht hier geht's ums töten? Ok, noch eine Runde. Diesmal bewege ich mich mit meinem Charakter und versuch auch ein bisschen auf die Hinweise auf dem Bildschirm zu achten. Wieder töte ich unzählige Aliens, trotzdem scheitere ich erneut. Anscheinend auch ein Spiel aus der Kategorie "Versteh ich nicht". Aber das Rumballern hat durchaus Spaß gemacht. So ziehe ich weiter durch die Spielhallen und Geschäfte. Nach fünf Stunden hab ich grad mal drei Straßen geschafft.

Nach einer kurzen Rast im Hotel, mache ich mich Abends nochmal auf den Weg nach Akihabara. Ich hatte dort tagsüber eine Anzeige für eine Show gesehen und nun auch im Internet ein paar wenige Informationen dazu gefunden. Angeblich ein Teil der Idol-Subkultur von Tokio, bei der Sängerinnen mit Eishockeymasken und Kettensägen auftreten, also genau mein Fall. Die Show findet in einem von aussen nicht danach aussehendem Gebäude statt. Mit dem Aufzug fahre ich in die siebente Etage und betrete einen Raum mit einer Bühne und vereinzelten Tischen. Kurz vor Showbeginn sind vielleicht 40 bis 50 Gäste in dem Raum (Anmerkung: Laut Internet fasst der Raum bis zu 400 Personen). Ausschließlich junge Männer. Ich bin zugegebenermaßen etwas skeptisch. Die Musik geht los und bunte Lichter flackern durch den Raum. Ein Großteil des Publikums schaltet elektrische Leuchtstäbe ein und begibt sich damit auf die freie Fläche vor der Bühne.
Es treten drei junge Mädchen in Schuluniform auf. Mit übertriebenem Lächeln und unglaublich viel Energie hüpfen sie auf der Bühne herum und singen eine Mischung aus Pop und Techno Song. Das Publikum geht total ab, hüpft mit, singt mit und sogar die Choreografie beherrschen die meisten perfekt. Es ist irgendwie surreal, weil die meisten Typen so aussehen, als würden sie sonst nicht mal mit Mädchen reden können. Auf die Frage, wie nerdig sie sind, auf einer Skala von 1 bis 10, würden die meisten wahrscheinlich antworten: 3.14159265358979323… Aber hier feuern sie die Band an und gehen aus sich raus. Wenn eine Sängerin einen Solo Part hat, tritt sie nach vorn, woraufhin auch die Männer zur Bühne gehen und sie anhimmeln. Ein interessantes Ritual, welches sich während der Show immer wieder wiederholt. Es treten verschiedene Mädchengruppen in ganz unterschiedlichen Kostümen auf. Musikalisch bewegt sich das von Death Metal über Rock-Pop bis hin zu Melodien aus Kinderliedern, gern auch mal in ein und demselben Lied. Der Sound selbst ist eher schlecht. Die Stimmen der Sängerinnen sind total übersteuert. Das tut aber der Stimmung überhaupt keinen Abbruch. Die Künstler legen sich für ihr Publikum ins Zeug und dieses ist mit Leib und Seele dabei. Nach 90 Minuten ist die Show vorbei. Ich verlasse das Gebäude und laufe beschwingt Richtung Bahnstation.

Ich häng mal noch ein kurzes Video von der Show mit dran. Kann sein, dass es im Browser ohne Ton gespielt wird. Für den Fall könnt ihr es einfach runterladen.

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